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100 Jahre Lehenschule

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden auch in Stuttgart vermehrt Stimmen laut, die eine bessere Förderung von Kindern forderten, die in der Regelschule, damals Volksschule genannt, einen besonderen Fürsorgebedarf zeigten und vereinfachte Unterrichtsziele benötigten. Im Jahre 1911 nahm der Wille, diese Kinder besser zu fördern, organisatorische Gestalt an: die erste Stuttgarter „Hilfsschule“ wurde gegründet.

Die Frage, ob diese Kinder an ihren Stammschulen bleiben oder in einer neuen, zentralen Einrichtung zusammengefasst werden sollten, wurde zunächst zugunsten einer dezentralen Lösung beantwortet. An sechs Standorten - teils an Volksschulen, teils außerhalb - wurden je zwei Klassen untergebracht. Mit dem Einverständnis ihrer Eltern besuchten dort insgesamt 230 Schüler/innen die neue Hilfsschule, deren Rektor der Mittelschullehrer Martin Glück wurde. Glück selbst führte eine von zwei Klassen, die in der Römerschule untergebracht waren, und leitete von dort auch die fünf Außenstellen.

Im Lehenviertel wurde damit also zwar nicht die Lehenschule gegründet – dieser Name ließ noch ein halbes Jahrhundert auf sich warten -, doch befindet sich in der Römerstraße seither der Sitz des Schulleiters. Glück hatte zunächst die Aufgabe, für die neuen Aufgaben die geeigneten Pädagogen und Pädagoginnen zu finden. Da es bislang keine spezielle Ausbildung für diese Schulart gab, wurden zunächst freiwillige Volksschullehrer herangezogen und für ein Jahr abgeordnet. Schnell stellte es sich heraus, dass diese Lehrer/innen zu einem erheblichen Teil Gefallen an der neuen Aufgabe gefunden hatten und nicht mehr an ihre alten Dienststellen zurück wollten.

1912 stellte die Stadt Stuttgart Glück ein eigenes Gebäude zur Verfügung. Das ehemalige Wohnhaus für städtische Beamte in der Römerstraße 16 wurde ganz zum Schulhaus umgebaut.

Der Trend ging also in Richtung Zentralisierung: sieben von neun Hilfsschulklassen waren nun gemeinsam in der Römerstraße untergebracht. Notwendig wurde diese Zusammenlegung deshalb, weil man sehr schnell festgestellt hatte, dass die 2 Lehrer/innen mit je 2 Klassen in einem Gebäude die jeweils 40 bis 60 Schüler/innen nicht so differenziert unterrichten konnten, wie sie wollten. Nun hatte man jedoch mit sieben Lehrer/innen und 147 Schüler/innen unter einem Dach mehr Möglichkeiten, ein eigenes Schulprofil zu entwickeln. Werken, Handarbeit, Singen, Turnen, Heimatkunde und Lerngänge mit Sport und Spielen standen im Mittelpunkt der Arbeit.

Das alte Schulgebäude in der Römerstraße 16

Als Rektor Glück 1914 als Bezirksschulinspektor nach Böblingen ging, wurde der Taubstummenlehrer Wagner sein Nachfolger in der Römerstraße. Dieser legte mit einer Außenstelle für Schwerhörige die Grundlage für die heutige Immenhoferschule, mit der sich die Lehenschule heute das Gebäude in der Römerstraße 91 teilt. 

Er war von 1914 bis 1918 Schulleiter und in dieser Zeit hauptsächlich mit der Ausdehnung der Betreuungszeit der Kinder bis 19 Uhr beschäftigt. Die durch den Ersten Weltkrieg verursachte „Vaterlosigkeit“ der meisten Kinder machte die Einrichtung von Horten an den Standorten nötig.

In der Folgezeit stieg die Schülerzahl stark an. Abgesehen von einem vorübergehenden Einbruch in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, als finanzielle Einsparungen zur Streichung von Lehrerstellen und dadurch zur Beschränkung der Aufnahme von Schülern führte, stieg die Zahl der Kinder mit festgestelltem Förderbedarf kontinuierlich an.

Die Jahre 1933 bis 1945 sind ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Lehenschule. Entgegen ihren ursprünglichen Zielen wurde die Schule zu einem Instrument der Aussonderung. Die Pädagogik hatte den Auftrag, zwischen drei Gruppen von Kindern zu unterscheiden: zwischen denen, die die Volksschule erfolgreich durchlaufen konnten, denen, die in die Hilfsschule sollten, um die Volksschüler nicht in ihren Lernfortschritten zu hemmen, und denen, die für bildungsunfähig erklärt wurden. Mit dem Ausschluss aus allen Schulen drohte letzteren der Tod.

Nachdem die Bombenangriffe am Ende des Zweiten Weltkrieges in Stuttgart das Schulleben völlig zum Erliegen gebracht haben, musste die Stuttgarter Hilfsschule 1945 räumlich, personell und pädagogisch einen völligen Neuanfang machen. Als die räumlichen Probleme gelöst waren und die Schülerzahlen wieder zunahmen, entstanden in den Jahren 1948 – 1953 eigenständige Hilfsschulen in Untertürkheim, in Ostheim, im Westen, in Cannstatt, in Zuffenhausen, Feuerbach und Vaihingen. Bis 1961 stieg die Zahl der Hilfsschüler/innen in Stuttgart auf 1427 an. Die heutige Auffächerung des Sonderschulwesens in Stuttgart war fast erreicht.

Zur Lehenschule wurde die "Hilfsschule Römerstraße" in der Mitte der 1960er Jahre; sie zog in den Neubau in der Römerstraße 91 um. An diesem Standort konnte sie sich zu einer modernen Schule entwickeln. Die Schüler/innen verbringen die Unterrichtszeit nicht ausschließlich in einem Klassenzimmer. Unterricht wird in zunehmendem Maße projektartig und klassenübergreifend. Das ganze Schulhaus wird zum durch die Schüler/innen zu gestaltenden Bereich. Auf der Dachterrasse ist Platz für Gemüseanbau und Hasenzucht; im Schulgarten in der Wernhalde entsteht ein Brotbackofen.

In den letzten Jahren der einhundertjährigen Entwicklung kommen zu den Lehrerinnen und Lehrern viele unterstützende Kräfte hinzu: Lehrbeauftragte, Jugendbegleiter, eine beim Förderverein angestellte Erzieherin und Eineurojobber gehören fest zum Kollegium, für das Teamarbeit Alltag geworden ist. Durch Sponsoren wie Kiwanis, Starcare, die Heidehof- und die Ingrid-Ritter-Stiftung können diese Angebote ebenso realisiert werden wie jährliche Theater-, Tanz und Musikaufführungen.

Seit dem Schuljahr 2010/11 werden Lehenschüler im Rahmen eines Modellversuchs inklusiv an der Heusteigschule unterrichtet. Das Kollegium der Lehenschule hat ein methodisch und formal vielfältiges Arbeitsfeld geschaffen, das im Folgenden eingehender dargestellt werden soll.